Islamisten und Pseudo-Islamkritiker profitieren voneinander

Was der antizionistische Jude für die Antisemiten ist, ist der Exil-Iraner für die Pseudo-Islamkritiker. Die rechtspopulistischen Parteien haben ihre Alibi-Iraner und die Linken ihre Alibi-Juden. Dass die Pseudo-Islamkritiker nicht zwischen säkularen und orthodoxen Muslimen unterscheiden, ist nichts Neues. Selbst die EU machte keinen Unterschied, als sie die kemalistische Türkei als Vollmitglied ablehnte. Einmal Moslem, immer Moslem, und das unabhängig von der individuell-subjektiven Weltanschauung eines Individuums. Oder einfacher erklärt: Man kann jeden Tag seinen Rotwein trinken, Schweinefleisch essen und seinen Urlaub in einem Swingerclub verbringen – die Ressentiments sind existent. Nicht umsonst fragte mich ein Leser, nachdem ich einige kritische Artikel über Muslimfeinde verfasste, ob mein “Ummah-Bewusstsein reaktiviert worden sei“. 

Wenn Sarrazin die hohe Geburtenrate der türkischen Frau kritisiert, so zielt er auf die Existenz eines Kollektivs ab – und somit auch auf die Existenz aller säkularen Muslime. Doch woran erkannt man einen Säkularisten? Fakt ist: Nicht der Islam wird kritisiert, da die Kritiker sonst Wissenschaftler geworden wären, die sich intensivst mit der Materie auseinandergesetzt hätten; im Fokus der Kritik stehen die Muslime, die nicht als Religionsgemeinschaft sondern als ethnisch-kulturelle Gruppe wahrgenommen werden. Die Mehrheitsgesellschaft sowie die Medien verfügen über das Meinungsmonopol – und können somit definieren, wer integriert ist und wer nicht. Dabei stellt sich folgende Frage: Wann ist man progressiv und emanzipiert? Wenn es um die muslimische Frau geht, haben die Pseudo-Islamkritiker eine einfache Formel parat: Trägt sie ein Kopftuch, wird sie unterdrückt, trägt sie keins, ist sie voll integriert. Dabei betonen sie immer wieder, dass sie der unterdrückten Muslima helfen und sie von den mörderischen Klauen des Islam befreien wollen. Und deshalb wird sie, obwohl die Pseudo-Islamkritiker immer wieder daran erinnern, dass es ihnen um die Rechte der unterdrückten muslimischen Frau geht, als “wandernde Mülltonne” bezeichnet. Islamkritik ist das nicht, sondern primitive Hetze. Wenn eine Frau dazu gezwungen wird, so sollte man ihr helfen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es nichts zu kritisieren gäbe. Ein Spaziergang durch Nord-Neukölln genügt, um die gescheiterte Integration von Migranten erkennen zu können. Und im Internet wird man auf Videos von Pierre Vogel stoßen, in denen er Propaganda für ein Rechtssystem jenseits der Verfassung betreibt und die Steinigung der Frau sowie das Abhacken der Hand bei Diebstahl legitimiert. Deshalb ist es wichtig, dass man nicht irrational sondern exegetisch an die Probleme herangeht und sich überlegt, wie man antidemokratische Tendenzen am wirksamsten bekämpfen könnte.

Eine Möglichkeit wäre die Akademisierung der islamischen Theologie, die somit einer historisch kritischen Exegese den Weg ebnen würde. Die Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten würde es ermöglichen, dass Hassprediger jeglicher Colour in ihre Schranken gewiesen werden. Doch die Pseudo-Islamkritiker lehnen dieses Vorhaben ab, da für sie ein “Euro-Islam” nicht infrage kommt – und somit mit den Islamisten einer Meinung sind, da auch sie eine reformatorische Erneuerung des Koran ablehnen. Sie wiederum sind für die Ausweisung aller islamistischen Hassprediger. Doch wohin soll man Pierre Vogel abschieben? In die kurbrandenburgische Kolonie St. Thomas? Wie man merkt, geht es nicht um die Lösung sondern Beseitigung des Problems.

Wenn es um menschenverachtende Blogs wie “Politically Incorrect” geht, betonen alle seriösen islamkritischen Blogs, dass sie nichts mit dieser Plattform zu tun haben. Dabei genügt es allerdings nicht, einen Gastautor zu Wort kommen zu lassen, der mit den Pseudo-Islamkritikern kritisch umgeht, sondern die Betreiber sind es, die sich explizit distanzieren müssen. Doch im Endeffekt wird nach außen hin nur so getan, da intern trotzdem Mails ausgetauscht werden und die eine Seite die andere noch immer lobt.

Pârse & Pârse, ein exil-iranisches Blog, das auf PI-News veröffentlicht wurde, duldet keine “antisemitischen, frauenfeindlichen und homophoben Äußerungen”, so unter “Über uns”. Dass PI-News mit den antisemitischen Piusbrüdern kooperiert und offen homophob ist, scheinen die Betreiber entweder nicht zu wissen oder bewusst zu ignorieren.

Eins ist klar: Islamisten und Pseudo-Islamkritiker dürfen nicht aussterben. Schließlich profitieren beide voneinander.

 

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  1. [...] Islamisten und Pseudo-Islamkritiker profitieren voneinander (Cengiz Dursun / 06.10.2011) [...]