Vor kurzem besuchte ich meinen Kumpel in Berlin-Rudow und stieg am Bahnhof Johannisthaler Chaussee aus, um Geld abzuheben. Auf dem Bahnhof befanden sich vier vermutlich türkischstämmige Jugendliche und unterhielten sich laut. Zwei von ihnen saßen mit ihren Füßen auf der Bank, die anderen beiden standen vor ihren Freunden und schauten den vorbeilaufenden Damen auf den Hintern. Kurze Zeit später liefen zwei deutsche Mädchen, beide blond, an ihnen vorbei. Einer von den Jungs forderte sie auf, stehenzubleiben. Doch die beiden liefen weiter, woraufhin die Jungs sie als “deutsche Schlampen” bezeichneten.
Enttäuscht verfolgte ich das Szenario und schüttelte den Kopf. Neben mir stand eine ältere Frau, die sowohl geschockt als auch verängstigt wirkte. Doch sie sah auch, dass ich trotz meiner schwarzen Haare den Kopf schüttelte, und ich hoffte, dass sie den Scham, den ich in dieser Situation empfand, nachvollziehen konnte.
Die Jugendlichen stiegen schließlich in die Bahn – und transportierten ihre patriarchalische und frauenfeindliche Weltanschauung, die sie im Innern pflegen, in die Welt. Doch hinter dem Begriff “Deutsche Schlampe” verbirgt sich noch viel mehr. Demnach ist jede Frau, die sich “wie eine Deutsche verhält” (Aynur Hatun Sürücü musste deshalb sterben), nur ein Objekt, an der man seine “Macht” demonstrieren kann. Sie transportieren diese Weltanschauung in ihre Familien, terrorisieren ihre eigenen Geschwister und werden auch ihren Töchtern nahelegen, dass “deutsche Mädchen” nichts wert seien, indem sie die Familienehre zwischen ihre Beine platzieren.
Schließlich kam auch meine Bahn. Und zwei sich fremde Weltanschauungen fuhren jeweils in eine andere Richtung.